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Europäische Idee und Kompetenz

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Europa

von StD Kajo Hammann

 

Die leidvollen Erfahrungen zweier Weltkriege in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts riefen verantwortungsvolle Politiker auf den Plan, die ein vereinigtes Europa wollten. Dabei wurde allerdings nicht die Auflösung der Nationalstaaten angestrebt, sondern der politische, wirtschaftliche und kulturelle Austausch zwischen den Menschen unseres Kontinents. 

Jean Monnet, einer der Urväter der europäischen Idee, brachte seine Vision 1952 mit einem einfachen Satz auf den Punkt: „Wir einigen keine Staaten, wir bringen Menschen einander näher.“ 

 

Wer heute auf eine entsprechende Lebenszeit zurückblickt, wird aus der Erfahrung heraus zugeben müssen, dass wir diesem Ziel inzwischen ein gutes Stück näher gerückt sind und insofern die Entwicklung der Europäischen Union anerkennend zu würdigen ist, selbst wenn Euro-Krise und politische Uneinheitlichkeit den Eindruck erwecken, als sei es um das Haus Europa nicht gut bestellt. 

Wer heute aber jung ist und weder die Trümmerzeit noch den Kalten Krieg noch dessen Ende selbst erfahren hat, sondern in eine relativ friedvolle, gelegentlich sogar komfortable und an Mobilitäts- und Kommunikationsmitteln reiche Zeit hineingeboren worden ist und die enormen Veränderungen innerhalb Europas nicht am eigenen Leib zu spüren bekommen hat, der braucht, um zu dieser Anerkennung zu gelangen und nachhaltig Europäer zu werden, mindestens drei überzeugende Vermittlungsinstanzen: eine angemessene Belehrung durch Schule, das Angebot der Begegnung mit europäischen Gleichaltrigen und die gelegentliche Begleitung gesprächsbereiter Entscheidungs- und Mandatsträger. Das alles findet am Gymnasium Traben-Trarbach regelmäßig statt. 

 

Schule leistet einen wesentlichen Beitrag sowohl bei der Verbreitung der europäischen Idee als auch beim Erwerb einer soliden europäischen Kompetenz, einer Befähigung, die als notwendige Voraussetzung für die Bewältigung zukünftiger Lebensaufgaben in größer werdenden Planungs- und Handlungsräumen angesehen werden muss. Gerade ein Gymnasium hat sich dieser Aufgabe zu stellen, denn es ist schließlich seine Klientel, die nach dem Abitur in Europa studieren und akademisch Fuß fassen können soll. 

 

Das Gymnasium Traben-Trarbach, 1573 als Lateinschule der protestantischen Exklave Pfalz-Zweibrückens mitten im katholischen Kurtrier gegründet und damit Ergebnis des Augsburger Religionsfriedens, profitierte schon seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges von der humanistischen Tradition des „alten“ Kontinents und ihrer Repräsentanten. So hatte zum Beispiel das Wirken Jan Amos Komenskýs (alias Comenius und damit Namensgeber moderner europäischer Bildungsprogramme) maßgeblichen Anteil an unserer schul-geschichtlichen Konzeption, denn seine pansophischen Vorstellungen waren in der Zeit des „gymnasium illustre“, also zwischen 1648 und 1800, nachweislich Grundlagen des Lehrplans. „Mutterschule“, Volksschule, Lateinschule und Universität bildeten die Stationen der von ihm bis zum 24. Lebensjahr als abgeschlossen geforderten Bildungsphase des Menschen. 

Heute, in einer Zeit, in der von Bürgern lebenslanges Lernen erwartet wird, ist die Erlangung der europäischen Kompetenz gekoppelt an den gründlichen Erwerb von Fremdsprachen einschließlich wissenschaftlich fundierter landeskundlicher Kenntnisse, zu denen übrigens alle Fächer an unserer Schule einen Beitrag leisten. Dieser übergreifende Ansatz kommt gelegentlich auch in Projekten zum Ausdruck, die zunehmend über europäische Bildungs-programme organisiert und gefördert werden. Unser Ziel ist es, möglichst viele Schülerinnen und Schüler wenigstens einmal während ihrer Schulzeit an lebenspraktischen Erfahrungen im europäischen Ausland teilhaben zu lassen, weshalb unsere Angebote vielfältig angelegt sind. 

Maßnahmen, die zur Begegnung Traben-Trarbacher Gymnasiasten mit Gleichaltrigen in Europa beitragen, sind zum Beispiel: 

 

  • einwöchige Fremdsprachenaustausche jeweils mit der englischen (8. Klassenstufe) und den französischen (9. Klassenstufe bzw. Jahrgangsstufe 11) Partnerschulen,
  • einwöchige fach- und klassenbezogene Schüleraustausche mit Partnerschulen
  • Gastspiele von Big Band, Theater- und Musical-AG an befreundeten europäischen Schulen,
  • Studienfahrten der MSS 12 in europäische Regionen,
  • zweiwöchige Schulpraktika einzelner SchülerInnen an Standorten befreundeter Auslandsschulen,
  • einjährige Auslandsschulaufenthalte einzelner SchülerInnen,
  • Teilnahme von Schülergruppen an internationalen Wettbewerben (z. B. „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“), Bildungsseminaren (z. B. im Europa-Haus in Bad Marienberg) und Planspielen (z.B. in der Fridtjof-Nansen-Akademie in Ingelheim).

 

Es versteht sich von selbst, dass wir mit Organisationen wie dem Pädagogischen Austausch-dienst, dem Deutsch-Französischen und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk eng zusammenarbeiten. Gleichzeitig tun wir das aber auch mit unseren lokalen Behörden, um die europäischen Kontakte den Bürgern in und um Traben-Trarbach vorzustellen. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen ausländischer Schülergruppen und die Integration der Schule in den von der EU geförderten städtischen Lehrpfad „Wein und Kultur“ zeugen davon. 

 

Mit den Schüleraustauschen kommt es zwangsläufig auch zur Begegnung der begleitenden Lehrpersonen und damit zum wichtigen Vergleich europäischer Schulsysteme. Solche eher episodisch stattfindenden professionellen Treffen werden immer wieder durch ein- oder mehrjährige Aufenthalte von Fremdsprachenassistentinnen in Englisch und Französisch ergänzt, die bei uns tätig werden und jeweils muttersprachliche Perspektiven beisteuern. Im zurückliegenden Schuljahr war erstmals eine Comenius-Assistenzkraft bei uns zu Gast, die in Polen ein Lehramtsstudium in Deutsch als Fremdsprache absolviert hat und erste Erfahrungen im Förderunterricht Deutsch sammeln konnte. Das wechselseitige Kennen-lernen europäischer Schulen und die Erprobung professionellen Könnens jenseits angeborener Grenzen fördern ein übergreifendes, verbindendes Berufsbewusstsein: Wir alle können viel voneinander lernen und wir dürfen im Interesse der Jugend damit nicht aufhören. Genau in diese Richtung laufen die zurzeit aufgenommenen Gespräche mit dem III. Liceum im südostpolnischen Rzeszów. Beide Schulen arbeiten jeweils an der Qualität ihrer Entwicklung, warum demnächst nicht auch zusammen? 

   

Zahlreiche bisher erworbene Auszeichnungen sind dem Gymnasium Traben-Trarbach sowohl Anerkennung für das bisher Geleistete als auch Verpflichtung zur Fortsetzung dieser Arbeit. Die Elternschaft ist nach wie vor in hohem Maße bereit, Austauschprojekte zu unterstützen und befristete Gastgeberrollen zu übernehmen. Der Schulstandort Traben-Trarbach war und ist eine Europa zugewandte Kleinstadt, schon als historische Metropole des europäischen Weinhandels im 19. Jahrhundert und erst recht heutzutage, was bestehende internationale Städtepartnerschaften unter Beweis stellen. Insofern sind uns auch die Verwaltungen von Stadt- und Verbandsgemeinde verlässliche Partner bei der Durchführung europäischer Projekte. Die räumliche Nähe zum Flughafen Frankfurt-Hahn und die zunehmende Verdichtung eines Netzes von Zielorten in allen Teilen Europas begünstigen darüber hinaus die Entwicklung internationaler schulischer Zusammenarbeit. Ein Übriges leistet die neue Medientechnik, die methodische Innovationen wie Video-Konferenzen mit Partnerschulen ermöglicht. Den europäischen Gedanken zu verwirklichen ist und bleibt also eine unserem Schulprofil geschuldete Aufgabe. 

 

Traben-Trarbach, im Juli 2011

 

 

Übersicht durchgeführter Comenius-Projekte

 

  • 1998/99 – 2000/01
    • Schulprojekt „Sechs Nachbarn lernen sich kennen – Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren kulturellen Wurzeln“ 
      • dreijährig
      • multilateral (mit Schulen aus Milton Keynes/England, Selles-sur-Cher/Frankreich, Porto/Portugal, Alingsås/Schweden, Olkusz/Polen und Burgas/Bulgarien)
      • Zusammenarbeit überwiegend über Internetaustausch, aber auch durch Schülermobilität während Praktika und anlässlich unserer Feier zum 425-jährigen Bestehen der Schule
 
  • 2001/02 
    • Fremdsprachenprojekt „Demokratie in der Schule“ 
      • einjährig
      • bilateral (mit dem Gymnasium Dobele/Lettland)
      • mit 14-tägigen Austauschen von Teilen der jeweiligen SV-Gremien und Schülerzeitungsredaktionen
 
  • 2003/04 – 2005/06 
    • Schulprojekt „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? – Junge Bürger in einem sich wandelnden Europa“ 
      • dreijährig
      • multilateral (mit Schulen aus Uppingham/England, Lamballe/Frankreich, Lavello/Italien und Olkusz/Polen)
      • Zusammenarbeit überwiegend über Internetaustausch
 
  • 2006/07 
    • Fremdsprachenprojekt „Alles Theater – Der europäische Gedanke auf der Bühne“ (gemeinsame Produktion und Aufführung eines Musicals an zwei Standorten) 
      • einjährig
      • bilateral (mit der baskischen Schule in Eskoriatza (Mondragon)/ Spanien)
      • mit 14-tägigen Austauschen von schauspielenden, tanzenden und musizierenden Schülern 
      • Vorbereitung erstmals über Video-Konferenzen
 
  • 2009 – 2011 
    • Schulprojekt „Riverside Life – interkulturelles Kunstprojekt 
      • zweijährig
      • multilateral (mit der Rochester Grammar School, dem Lycée Armand Peugeot in Valentigney und dem Liceo Immanuel Kant, Rom
      • mit Schülermobilitäten der Grundkurse MSS 11/12 in Bildender Kunst und Musik sowie der Theater-AG (4 einwöchige Workshop-Treffen)
      • Vorbereitung über Video-Konferenzen

 

 

 

Zusammenarbeit mit ...

 

  • Jonas-Alströmer-Gymnasium in Alingsås, Schweden
  • Gymnasium in Simrishamn, Schweden
 
  • Collège Gustave Tery in Lamballe, Frankreich
  • Collège Les Pressigny in Selles-sur-Cher, Frankreich
  • Lycée Armand Peugeot in Valentigney, Frankreich
 
  • Goethe-Gymnasium in Burgas, Bulgarien
 
  • Staatliches Gymnasium in Dobele, Lettland
 
  • Ikastola Arizmendi in Eskoriatza/Mondragon, Spanien
 
  • Scuola Media Villareale in Lavello, Italien
  • Liceo Immanuel Kant in Rom, Italien
  • Liceo Angela Veronese in Montebelluna, Italien
 
  • St. Paul’s Catholic School in Milton Keynes, England
  • Uppingham Community College in Uppingham, England
  • The Rochester Grammar School in Rochester, England
 
  • II. Liceum Ogolnokstalcace in Olkusz, Polen
  • Zespól Szkól Hotelarsko Turystycznych in Zakopane, Polen
  • III. Liceum Ogolnokstalcace in Rzeszów, Polen
 
  • Externato Deutsche Schule zu Porto, Portugal
 
  • Schule in St. Petersburg, Russland